Aus der Presse

Ausstellung des FC Bayern im Ries: Beitrag zur Erinnerungskultur

 

Eine Ausstellung über die Opfer des Nationalsozialismus des FC Bayern ist in der Nördlinger Stadtbibliothek zu sehen. Was Besucher dort zu Gesicht bekommen.

(Rieser Nachrichten vom 22.1.2018, Peter Urban)

 

Die Frage mag durchaus erlaubt sein: Warum holt ausgerechnet das Evangelische Bildungswerk Donau-Ries eine Ausstellung des Fußballclubs FC Bayern München nach Nördlingen? Diese Frage beantwortete Pfarrer Andreas Gatz in seiner Begrüßung zur Vernissage mit den Worten des ehemaligen Bundespräsidenten Roman Herzog aus einer Rede anlässlich eines Gedenktages an die Opfer des Nationalsozialismus: „Die Erinnerung darf nicht enden; sie muss auch künftige Generationen zur Wachsamkeit mahnen.“

 

Das Wiedererstarken nationalistisch denkender Parteien, die Relativierung der Taten der Nationalsozialisten, die Verharmlosung des millionenfachen Massenmordes an jüdischen Mitbürgern, an Parteimitgliedern demokratischer Parteien, an Andersgläubigen, an Menschen die in ihrer sexuellen Ausrichtung nicht in das Schema passten, ist ein Beleg dafür, dass die künftigen Generationen immer noch – und immer wieder – zur Wachsamkeit gemahnt werden müssen.

 

„Mit dem Zugpferd FC Bayern“ ein breites Publikum erreichen

 

Andreas Gatz räumt ein, dass die Themenstellung im Rahmen der Aufarbeitung des Dritten Reiches „sehr speziell“ sei, erhofft sich aber „mit dem Zugpferd FC Bayern“ ein breites Publikum zu erreichen, das normalerweise nicht auf Vernissagen oder Ausstellungen zu finden ist. Er sagt: „Erinnerungskultur ist eben nicht allein die Aufgabe der wissenschaftlichen und politischen Elite, sondern sie betrifft uns alle.“ Diesen Anspruch, nämlich ein breites Publikum erreichen, konnte er bei der Eröffnungsveranstaltung leider nicht erfüllen, beschränkte sich der Zuspruch doch auf viele bekannte Gesichter.

 

Die erlebten allerdings einen überaus interessanten Vortrag von Diakon Klaus Schulz aus München, eines ausgewiesenen Experten, der seit 1997 in der evangelischen Versöhnungskirche in der Gedenkstätte Dachau arbeitet und Mitinitiator des Erinnerungstages im deutschen Fußball ist, der seit 2004 bundesweit in den Fußballstadien jedes Jahr um den Holocaust-Gedenktag stattfindet.

 

Er begleitet seit vielen Jahren Fußballfans bei Rundgängen mit dem Schwerpunkt Fußball in der KZ-Gedenkstätte Dachau. Und obwohl er sich als 60er Fan zu erkennen gab, schilderte er sehr beredt Verfolgung und Ausgrenzung, aber auch, dass es in den Konzentrationslagern immer wieder Phasen gab, wo an diesem menschenverachtenden Ort Fußball gespielt wurde und natürlich von der jüdischen Vergangenheit des FC Bayern.

 

Ab 1933 wurden viele Vereinsmitglieder des FC Bayern verfolgt

 

Von Beginn an prägten bei Vereinsgründungen Männer mit jüdischer Herkunft den aus England kommenden Fußball in Deutschland. Einer von ihnen war Walter Bensemann, Mitbegründer des Deutschen Fußballbundes und Mitinitiator bei der Gründung des FC Bayern München. Obwohl die Herkunft in den Anfangsjahren keine Rolle spielte, erzählt die Ausstellung „Verehrt Verfolgt Vergessen“ vor allem die Geschichte der Vereinsmitglieder mit jüdischer Herkunft.

 

Die jüdischen Vereinsmitglieder trugen in den Anfangsjahren maßgeblich dazu bei, dass sich der FC Bayern in einem nationalistischen Umfeld liberal, vorurteilsfrei und weltoffen zeigte. Bei der ersten Deutschen Meisterschaft 1932 leisteten drei Führungskräfte besondere Hilfestellung: Präsident Kurt Landauer, Trainer Richard Dombi und Jugendtrainer Otto Beer. Sie waren ebenfalls Juden. Ab 1933 wurden viele Vereinsmitglieder verfolgt, einige flüchteten ins Ausland, manche wurden in Konzentrationslager verschleppt und ermordet.

 

 

Die Ausstellung berichtet fundiert und in eindrucksvollen Schilderungen

 

Von diesen Schicksalen berichtet die Ausstellung, fundiert und in eindrucksvollen Schilderungen. Etwa von Alfred Strauß, der von den Nazis wegen „gewissenloser Berufsausübung“ – er war Rechtsanwalt – erst nach Dachau verschleppt, dann gefoltert und schließlich von einem SS-Mann erschossen wurde. Das ist nur ein Schicksal, aber es gibt viel mehr Geschichten als die bekannte des ehemaligen Präsidenten Kurt Laudauer, dessen Filmportrait im Ries-Theater am kommenden Donnerstag ebenfalls im Rahmen der Ausstellung präsentiert wird. „Hinter jeder Zahl steht ein Menschenleben“: sich mit diesen Lebensgeschichten zu beschäftigen, ist eine bedrückende, aber lohnenswerte Erfahrung. Jeder Interessierte kann sie machen.

 

Die Ausstellung ist noch bis zum 2. Februar 2019 in der Nördlinger Stadtbibliothek zu sehen, weitere Informationen gibt es unter www.evang-bildungswerk-donau-ries.de